Familienrecht - Mediator oder Anwalt II
Publiziert von:
Michael Schumm
am 09.07.2008
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Mediator oder Anwalt II
Der gut (und teuer) ausgebildete Mediator weiß, dass er nicht berufen ist, seinen Klienten die eigenen Lösungen nahe zu bringen.
Er hält sich zurück, weil er weiß, dass er nur soweit erfolgreich sein kann, wie sein Auftrag reicht. Die Klienten können nur zu den Antworten geführt werden, die auch ihren Fragen entsprechen. Darum weiß er auch, dass er selbst nicht nur sprachlich, sondern auch durch seine Körpersprache, seine Vorurteile und Vorlieben die Klienten bewusst und unbewusst beeinflusst. Der seriöse Mediator lässt sich daher selbst auf Supervision ein, und reflektiert, was er tut. Leider gibt es nicht nur seriöse Mediation.
Schlechte Mediatoren erkennt man am schnellsten daran, dass sie schnell Antworten auf Fragen geben, die keiner gestellt hat. Sie machen Vorschläge zu Problemen, die die Klienten (noch) gar nicht als solche erkannt haben. Sie wissen zuviel, und fragen zu wenig, vor allem nicht nach den Grenzen ihres Auftrages. Zugleich wissen sie zu wenig über sich selbst und wie sie wirken. „Mediatoren“ dieser Art findet man häufig unter Richtern, die schon immer gewusst haben, was gut für das Kind und die Eltern ist. Dabei sind sie manchmal nicht einmal in der Lage, den Antragstellern bei der Begrüßung in die Augen zu schauen. Diese Richter haben irgendwo aufgeschnappt, dass eine schlechte Einigung besser sei als ein gutes Urteil, und das hat ihnen gefallen. Weil es weniger Zeit kostet, eine schlechte Einigung herbei zu führen, als ein gutes Urteil zu schreiben.
Schlechte Mediatoren gibt es aber auch unter Anwälten. Das sind dieselben Anwaltstypen, die früher die Hand der Mandantin genommen und in die des untreuen Ehemannes gelegt ( und damit die unsägliche „Versöhnungsgebühr“ verdient) haben. Sie glauben, wie ein Vater, respektive wie eine Mutter, über Mandant und Gegner befinden zu können, und diese wie Kinder wieder auf den rechten Weg – seid vernünftig, und vertragt euch – schicken zu können. Damit machen sie weder Anwalts- noch Mediatorenarbeit, fühlen aber sich dabei besonders erfolgreich. Sie sind nichts weniger als das. Denn statt als Anwälte oder Mediatoren im besten Fall zur Mündigkeit, zur Selbstständigkeit zu verhelfen, bewirken sie das genaue Gegenteil.
Der Konflikt bleibt ungelöst, die Parteien bleiben ihm verhaftet, auch wenn die Akte schon längst in der Ablage liegt.
Diejenigen, welche die Mediation dem gerichtlichen Streit gegenüber stellen, und ihre Vorzüge herausstellen, vergessen oft zu fragen, wie denn die langfristigen Auswirkungen sind. Jeder Rechtsanwalt kennt die Situation, dass der Mandant nach einem, vom Richter aufgezwungenen Vergleich, noch dies und jenes vorbringt, das ihm beim Vergleichsschluss nicht eingefallen ist. Da hilft es nicht, wenn der Anwalt vom Vergleich abgeraten hatte. Aus der Sicht des Richters ist der Vergleich immer ein Erfolg (eine Erledigungsziffer ohne Urteil), aber das nachträgliche Gefühl, um sein Recht betrogen worden zu sein, lädt der Mandant beim Anwalt ab.
Genau dieses Gefühl bleibt auch bei schlechter Mediation zurück. Zwar kommt irgendwie eine Einigung zu Stande, aber die schlechten Gefühle bleiben bestehen. Die Enttäuschung, der Ärger, die Wut, der Hass – all das, was zur Trennung führte und die Trennung möglich machte, bleiben unausgesprochen. Gefühle, die vorhanden sind, aber nicht ausgesprochen werden, wüten weiter. Gerade die verpönten, als unsauber angesehenen und peinlichen Gefühle gehören aus der Seele hinaus geworfen. Sie müssen sich im Streit äußern, damit sie nicht mehr die Selbsteinsicht behindern, und an ihre Stellung die Chance tritt, dem Anderen zu verzeihen.
Die meisten Menschen glauben im Streit, dass sie selbst sich nur verteidigen, sie sehen sich als Opfer ihres Gegners. Eine Eigenart des Streitgefühls besteht darin, dass die wirklich oder vermeintlich Unterlegenen sich leichter gestatten, den Streit zu eskalieren und Mittel einzusetzen, vor denen sie in der Rolle der Überlegenen zurück schrecken würden. Vor allem diejenigen, die sich nicht zugestehen wollen, dass sie selbst streiten können und wollen, geraten in die Opferrolle und damit in die Versuchung, den Streit zu eskalieren.
Deshalb ist das erste Erfordernis einer Streitkultur: Bekennen Sie sich zum Streit. Sehen Sie sich als Herr ihres Schicksals, nicht als dessen Opfer. Und: Streiten Sie!
Streiten tut weh. Das lässt sich nicht vermeiden. Das ist gerade einer der Vorzüge des Streits. Er macht die Trennung möglich, weil Schmerz in der Beziehung offen gelegt wird. Bildlich gesprochen: Es fließt Blut, und das ist keine stille, innere Blutung, sondern sie wird sichtbar. Damit wird Energie freigesetzt, die Trennung - und damit einen neuen Anfang – möglich macht und das ist gut so.
Aber was ist mit den Kindern? Die Kinder streiten nicht, sie wollen keine Trennung. Merkwürdigerweise finden Kinder eine Trennung in den allerseltensten Fällen richtig. Sie wollen die gesamte Familie erhalten. Noch etwas ist merkwürdig. Kinder geben fast immer zuerst sich selbst die Schuld an der Trennung der Eltern. Sie fragen sich, was an ihnen selber falsch sei, halten sich für schuldig, dass einer der Eltern die Familie verlassen will. Also doch keinen Streit? Oder den Streit verbergen? Nein. Streit und Trennung sind da. Kinder fühlen ihn, selbst wenn er verborgen wird.
Es sind nicht nur die Worte, auch deren Klang, jeder Blick, jede Geste, jedes Abwenden und auch die Hinwendungen, die nicht mehr statt finden, werden von Kindern wahrgenommen.
Diese Zeichen reden von Streit, er kann gar nicht verleugnet werden. Er kann aber in Worte gepackt, und erklärt werden. Kinder brauchen sogar die Erfahrung, dass auch über schmerzhafte Dinge geredet werden kann. Zwar ist ihnen nicht alles, was sich zwischen Frau und Mann abspielt, verständlich zu machen. Aber Kindern sollte auf ihre Fragen, auch die stummen, geantwortet werden. Dabei lautet die wichtigste Antwort: Nein, der andere Elternteil verschwindet nicht, sondern er bleibt als Elternteil immer da.
Streit bedeutet nämlich nicht, dass jemand verschwindet. Mutter bleibt Mutter, Vater bleibt Vater. Diese Sicherheit ist wahr, sie ist tröstlich, und Kinder brauchen diese Botschaft. Und damit diese Botschaft im Streit noch gehört wird, muss sie laut ausgesprochen werden. Das Denken genügt in diesem Fall nicht. Man soll sich deshalb so streiten, dass der andere Elternteil nicht aus der Welt der Kinder hinaus gedrängt wird.
Beide Eltern brauchen einen Platz in der Welt des Kindes, aber auch der Streit der Eltern und die Liebe der Kinder zum anderen Elternteil bestehen zur gleichen Zeit und sind gleich gültig.
Mein Plädoyer lautet deshalb: Streiten Sie sich. Und mein Rat ist: Streiten Sie in fünf Schritten:
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Streiten Sie laut und sprechen Sie aus, was kränkt. Fordern Sie laut, was Sie brauchen.
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Dann hören Sie zu, was der Andere ausspricht.
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Wiederholen sie die Worte des Anderen und fragen Sie ihn, ob er sich richtig verstanden fühlt und ob er alles gesagt hat.
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Entscheiden Sie, ob Sie geben, was er fordert und ob Sie bekommen haben, was Sie brauchten. Wenn nicht gehen Sie zu einem Anwalt und zum Gericht, und wiederholen Sie das Fordern, Zuhören und Entscheiden, bis eine Entscheidung durch Sie und Ihren Partner oder durch das Gericht getroffen worden ist.
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Danach vertragen Sie sich wieder. Versöhnen Sie sich und schenken Sie dem Anderen etwas. Vielleicht eine Blume, einen Brief, einen Teller Spaghetti mit Wein, oder eine Eintrittskarte. Auch hier gilt: Denken allein reicht nicht.
Stand: 09.07.2008
