Zivilrecht - Chefarztpflicht

AdvoGarant

Chefarzt darf Risikoaufklärung nicht einfach an nachgeordneten Arzt übertragen.

Eine Patientin stellte sich wegen Oberbauchbeschwerden in einer chirurgischen Klinik vor. Am folgenden Tag wurde sie stationär aufgenommen und einige Tage später vom Chefarzt operiert. Vor der Operation fanden zwei Gespräche mit dem Stationsarzt statt, wobei umstritten ist, ob dieser die Patientin über die möglichen Folgen hinreichend aufgeklärt hat. Infolge einer Nahtinsuffizienz kam es zu einer schweren Bauchfellentzündung und einer eitrigen Bauchspeicheldrüsenentzündung. Die Patientin musste 49 Tage auf der Intensivstation behandelt werden, davon etwa drei Wochen in einem künstlichen Koma unter Offenhaltung des Bauchraums. Sie wurde fünf weitere Male operiert. Nachdem sie nach etwa vier Monaten aus der Klinik entlassen worden war, trat sie eine Reha-Maßnahme an. Als Folge des langen Liegens auf der Intensivstation litt sie im Folgenden unter einer Critical Illness Polyneuropathie am linken Unterschenkel und am Fuß. Sie verlangte von dem Chefarzt ein angemessenes Schmerzensgeld in Höhe von 75.000 Euro. Das Landgericht Itzehoe sowie das Oberlandesgericht Schleswig wiesen die Klage ab. Es könne nach Ansicht der Richter dahinstehen, ob der Stationsarzt seiner Aufklärungspflicht nachgekommen sei. Ein Verstoß des Stationsarztes könne nicht dem Chefarzt angelastet werden, weil der Stationsarzt für diese Aufgabe ausreichend qualifiziert gewesen sei und sich ein Chefarzt auf seinen Stationsarzt verlassen dürfe.

Der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung der Vorinstanz aus. Der Chefarzt hätte dem Stationsarzt nicht blind vertrauen dürfen. Er hätte vielmehr durch hinreichende organisatorische Maßnahmen sicherstellen müssen, dass die Patientin von dem untergeordneten Stationsarzt auch wirklich aufgeklärt worden sei. An diese Kontrollpflicht seien strenge Anforderungen zu stellen. Er müsse detailliert darlegen können, dass er dieser, ihm obliegenden Pflicht auch nachgekommen sei. Er hätte sich durch Gespräche mit der Patientin oder zumindest durch einen Blick in die Krankenakte vor dem Eingriff davon überzeugen können, dass eine Aufklärung vorgenommen worden sei. Ansonsten habe er auch seine Pflichten als Chefarzt verletzt. Ein Chefarzt müsse seinen Untergebenen genau anweisen, wie die Aufklärung des Patienten ablaufen solle und die Umsetzung überwachen. Ob er dies getan habe, müsse noch festgestellt werden.

BGH vom 07.11.2006, Az. VI ZR 206/05

Stand: 09.02.2007

Finden Sie ganz in Ihrer Nähe spezialisierte

Rechtsanwälte Steuerberater Sachverständige Mediatoren
Wirtschaftsprüfer Vereid. Buchpr. Notare Patentanwälte
Ihr Standort:     

Ihre persönliche Beratersuche für Ihr spezielles Problem 0800 – 909 8098 (kostenfrei)